Krise und militärische Reaktion: Zwei Modell des Entscheidungsprozesses zu US-Militäreinsätzen am Beispiel der Operationen Just Cause in Panama, Desert Storm im Irak und Uphold Democracy in Haiti

Für die Vereinigten Staaten sind militärische Operationen - auch wenn die Kontroverse zwischen den Anhängern der "all-or-nothing"- und der "limited-objectives"-Schule oder die Rolle, die militärische Mittel im Rahmen einer Coercive Diplomacy-Strategie spielen, einen anderen Eindruck vermitteln mag - nicht das letzte Mittel der Politik, sondern allenfalls das äußerste, um ihre eigenen Interessen im internationalen Raum durchzusetzen, aber auch ihre Rolle als ordnungserhaltender Hegemon zu erfüllen.

Die klassische Frage, "warum" es zu Militäroperationen der Vereinigten Staaten kommt, ist nun angesichts der Vielzahl, Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit der hinter den Operationen stehenden Interessen jeweils nur schwer zu beantworten. Dazu kommt auch, dass - da Militäreinsätze nur das äußerste Mittel sind - das Gewicht der jeweiligen Interessen und die Entscheidung zu Militäroperationen nicht notwendigerweise in Korrelation zueinander stehen. Es geht letztlich weitgehend losgelöst von Interessensgewichtung um die reine Opportunität von Militäreinsätzen in dem jeweiligen Einzelfall. So kann es geschehen, dass bei relativ geringfügigen Krisen - wie im Falle Haitis 1991-1994 - Soldaten entsandt werden, während sich bei gravierenden Bedrohungen - wie derzeit durch Nordkoreas Nuklearprogramm - ein Krieg von vornherein verbietet.

Daher wird in dieser Arbeit die Antwort auf die Frage nach dem "warum?" über den Weg des "wie?" im Entscheidungsprozess gesucht.

Über die Analyse der Prozesse im Vorfeld der Operationen Just Cause in Panama 1989, Desert Storm am Persischen Golf 1990/91 und schließlich Uphold Democracy in Haiti 1994 werden in der Arbeit zwei heuristische Modelle entwickelt, die ein Instrument sein können, um Militäroperationen ex post systematischer zu erfassen und anhand der jeweiligen Entscheidungsprozesse zu klassifizieren. Modell 1 beschreibt dabei einen Prozess, in dem die Vereinigten Staaten nach einer früh im Prozessverlauf getroffenen Entscheidung der Regierungsspitze (des Präsidenten, beraten von seinem unmittelbaren inner circle) zur Durchsetzung überpartikularer Interessen militärisch vorgehen; dabei handelt es sich um Militäroperationen im zwischenstaatlichen Raum, die im wesentlichen dem Erreichen eines (modifizierten) Status quo ante ("Status quo ante plus") dienen sollen.

In diesen Fällen gibt es in den Vereinigten Staaten zwischen den wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Akteuren keine auffallend differierenden Auffassungen hinsichtlich der Einschätzung, dass durch die krisenhafte Entwicklung im internationalen Raum wichtige "überpartikulare" Interessen der Vereinigten Staaten bedroht sind; wohl aber existieren Unterschiede hinsichtlich der Fragen, ob und wann man militärisch vorgehen sollte. Daher muss die Regierungsspitze ihre initiale Entscheidung für ein letztlich militärisches Vorgehen innenpolitisch mit der ihr gegebenen Führungskraft durchsetzen; bei dieser Aufgabe ist internationale Zustimmung bzw. internationale Unterstützung hilfreich. Die durchzusetzenden überpartikularen Interessen wiederum können durchaus identisch mit partikularen Interessen sein (bzw. ihre Durchsetzung kann partikularen Komplementärinteressen entgegenkommen). Dies bedeutet aber nicht, dass Militäroperationen auch primär zur Wahrnehmung von Partikularinteressen geführt würden. Die Entscheidung, militärische Mittel einzusetzen, ist gleichzeitig genauso das Ergebnis eines politischen Prozesses wie die Erklärung dieser die Militäroperationen auslösenden bzw. legitimierenden Interessen zu "nationalen Interessen," also zu solchen, denen entweder bereits über längere Zeiträume hinweg (vor allem im Kontext der "nationalen Sicherheit") oder erst im Verlauf der Diskursentwicklung selbst eine "überpartikulare" Qualität zukommt.

Modell 2 dagegen beschreibt einen Prozess, der seinen Ausgang in einem externen Machtkonflikt in einem anderen Staat nimmt und der über eine Internationalisierung durch oppositionelle Gruppen in die Vereinigten Staaten hinein- und dort (teilweise) ausgetragen wird. Es kommt zu einer Innenpolitisierung von Außenpolitik. In diesen von der US-Regierung kaum kontrollier- und steuerbaren Prozess fließt aus dem Gesellschaftlichen Umfeld (und direkt oder indirekt aus der Internationalen Umwelt) eine Vielzahl partikularer, sich oft widersprechender Interessen und Handlungsempfehlungen ein. Am Ende einer weitgehend führungslosen Entwicklung ohne Herausbildung eines klaren überpartikularen Interesses der Vereinigten Staaten oder einer eindeutigen, zu Erfolg führenden Vorgehensweise sieht sich die US-Regierung im Zentrum einer inneramerikanischen Entscheidungskrise, so dass die Regierungsspitze - nun Führungsstärke an den Tag legend - einen klaren Strategiewandel vornimmt: Um die inneramerikanische Krise zu lösen, wird ein tiefgreifender Statuswechsel in dem betreffenden anderen Staat angestrebt. Dabei intervenieren die USA am Ende militärisch in einen innerstaatlichen Konflikt, wobei dieses Eingreifen auf der Seite einer der Konfliktparteien und üblicherweise mit dem Ziel eines Regimewechsels zugunsten eines zuvor legitimierten Regimes geschieht. Trotzdem gilt das hinter dem Eingreifen im außenpolitischen Raum stehende Interesse weiterhin vor allem innenpolitischen Zielen in den Vereinigten Staaten selbst, dem Lösen der inneramerikanischen Krise. Das außenpolitische Vorgehen ist in diesem Fall also eine Funktion der innenpolitischen Entwicklungen in den USA.

Um die Entscheidungsverläufe darzustellen, wird in dieser Arbeit besonders auf die Vorstellungen einer Decision-making-Theorie zurückgegriffen, wie sie sich mit ihrer Absage an den "Kollektivakteur Nation," an eine Zwangsläufigkeit staatlichen Handelns und an eine Rationalität individuellen Agierens (zugunsten vielmehr einer Zweckgerichtetheit) beispielsweise bei Snyder, Bruck und Sapin findet. Dabei folgen die Entscheidungsfindungsprozesse Mustern einer governmental politics (Allison) bzw. - weitergehend - eines offeneren political process-Modells (Hilsman); je nach Rolle der Akteure kann man mit Rourke, Carter und Boyer dabei zwischen Prozessen unterscheiden, die (weitgehend analog Modell 1) einem presidential model folgen, und solchen, die (wie Modell 2) dem offeneren political model entsprechen.

Gleichzeitig kann man hinsichtlich der Akteure und ihres Interaktionsrahmens auch mit Czempiels offenem asymmetrischen Gitter diese in Akteure des Politischen Systems, solche des Gesellschaftlichen Umfeldes und solche der Internationalen Umwelt trennen. In diesem Gitter unterhalten die Akteure untereinander Austauschbeziehungen über die Grenzen der drei Ebenen hinweg, während Entscheidungsautorität sowie Verantwortlichkeits- und Rechenschaftsbeziehungen exklusiv vergeben sind. Aufgrund dieser Beziehungen und Kompetenzverteilungen sind die Entscheidungsprozesse vor allem innenpolitisch ausgerichtet; außenpolitische und völkerrechtliche Faktoren haben dagegen wesentlich einen instrumentalen Charakter in Bezug auf die innenpolitische Dimension.

Nach der Verfassung der Vereinigten Staaten hat der Präsident das Recht, Kriege zu führen. So wird letztlich an der Regierungsspitze (durch den Präsidenten, beraten von einem inner circle besonderer Vertrauter) über Militäreinsätze entschieden. Gegen diese rechtlich festgeschriebene Gestaltungsmacht des Präsidenten (und mittelbar seines Stabes im Weißen Haus) fallen die Mitwirkungsmöglichkeiten der Ministerien - vor allem in Krisensituationen - deutlich ab (wohingegen nachgeordnete Regierungsebenen in Routinemomenten weitgehend unkontrolliert vom Präsidenten im internationalen Raum agieren und so oft für einen Status Quoismus im Umgang mit sich anbahnenden Krisen verantwortlich sind); selbst die Militärführung hat nur bedingten Einfluss auf die Beschlüsse des Präsidenten.

Der Kongress, der im Politischen System unter dem Vorzeichen von checks and balances der Regierung gegenübersteht und der durch die Verfassung das Recht besitzt, Kriege zu erklären, könnte vor allem eine negative, verhindernde Macht auf die Wahl militärischer Mittel durch den Präsidenten ausüben. Dies geschieht aber sehr selten, weil der Kongress im allgemeinen in diesen Fragen keine geschlossenen Positionen entwickelt, weil er gleichzeitig terminlichen Einschränkungen unterworfen ist, normalerweise mit Informationsdefiziten zu kämpfen hat und weil er vor allem schließlich vor einer Verantwortungsübernahme zurückschreckt und daher seine Verhinderungsmacht, die er vornehmlich über die Finanzhoheit ("power of the purse," konkret umgesetzt beispielsweise in der War Powers Resolution) besitzt, in der Regel ungenutzt lässt. So reduziert sich die Auseinandersezung zwischen Regierung und Kongress am Ende normalerweise auf die verfassungsrechtliche Frage, ob der Kongress vorab seine Zustimmung zu einer Militäroperation erteilen muss oder nicht.

Wie Modell 2 nahelegt, können unter den Bedingungen, wie sie im offeneren political process-Modell dargestellt werden, auch Akteure an dem Zustandekommen einer Entscheidung über einen Militäreinsatz beteiligt sein, die nicht dem Politischen System angehören. Diese Akteure bilden vielfach ein formales und informelles Netzwerk von Positions- und Reputationseliten, die in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die Entscheidungen der Regierungsspitze nehmen können. Für die in Modell 2 wesentlich werdende Internationalisierung sind dabei die Zusammenschlüsse von Akteuren aus dem Gesellschaftlichen Umfeld (insbesondere ethnische Gruppen) mit Akteuren der Internationalen Umwelt von zentraler Bedeutung. Zugang zum Entscheidungsprozess erhalten sie oft durch Kongressmitglieder, über die sie Themen im nationalen sicherheitspolitischen Diskurs etablieren können. Je nach Voraussetzung können sie auch öffentliche Debatten initiieren, wie dies im Falle Haitis geschah.

Die beiden Modelle demonstrieren ihre Anwendbarkeit in den Beispielen der Operationen Just Cause und Uphold Democracy einerseits, Desert Shield/Desert Storm andererseits (Fälle aus der Post-Ost-West-Konflikt-Phase, in der relativ wenige externe Faktoren oder globale Konfliktmuster die Entscheidungsprozesse überschatteten, und Fälle, in denen zugleich die Rolle anderer Staaten eher begrenzt war, so dass den Beispielen ein idealtypischer Charakter im Rahmen dieser Arbeit zugesprochen wird). Aufgrund der durch Iraks Invasion in Kuwait entstandenen internationalen Krise ist der Zweite Golfkrieg als zwischenstaatlicher Konflikt in erster Linie für die Wiederherstellung eines Status quo ante geführt worden (ergänzt durch ein UN-Überwachungsregime), wenngleich im Hintergrund für Teile der US-Regierung auch das mittelbare Ziel eines durch eine Schwächung provozierten Sturzes Saddam Husseins, also ein Regimewechsel, gestanden hat. Nachdem man zuvor aufgrund einer vollkommenen Fehleinschätzung der Entwicklung an lange praktizierten, auf der Gegnerschaft mit der Sowjetunion und dem Iran beruhenden und nie wirklich in Frage gestellten Verhaltensmustern gegenüber dem Irak festgehalten hatte, traf die Regierungsspitze - der Präsident und Mitglieder seines inner circle - die Entscheidung, diesen Status quo ante möglicherweise durch einen militärischen roll-back wiederherzustellen, bereits sehr früh im Prozessverlauf: Schon das "This-will-not-stand" vom 5.8.1990 wird in der Rückschau zum handlungsleitenden Programm.

Die Regierungsspitze war bei der Verfolgung ihres Kurses von ihrem Ziel nicht abzubringen: Innerhalb des Regierungsapparates waren die Militärs aus der Entwicklung weitgehend ausgeschlossen, sie legten in erster Linie - unter Beachtung der Powell-Doktrin - fest, welche Mittel zur Durchführung des militärischen roll-back notwendig sein würden. Im Außenministerium wurde eine Strategie der coercive diplomacy verfolgt, die vor allem das Verhältnis mit der Sowjetunion in den Vordergrund stellte und die auf einen multilateralen Prozess angelegt war. Im Kongress strebte eine starke Minderheit ein containment an, nachdem sich nach den Wahlen im November 1990 eine Eskalation abgezeichnet hatte. Bis in den Januar 1991 hinein bestand dabei zwischen diesen Ansätzen und dem Regierungsvorgehen eine Kompatibilität, die der Regierungsspitze eine Neutralisierung und gleichzeitig ein Einbinden (vornehmlich des Außenministeriums mit seinen diplomatischen Initiativen) der anderen Ansätze in die eigene Strategie ermöglichte. Über diese Einbindung gelang es der Regierungsspitze, für ihr Vorgehen innen- und außenpolitisch Unterstützung zu gewinnen. Darüber hinaus wirkte sich aus, dass mit der zu Beginn getroffenen grundsätzlichen Entscheidung auch eine wirtschaftliche und militärisch-logistische Eskalationsautomatik in Gang gesetzt worden war, die nur durch eine bewusste, willentliche Umkehrentscheidung der Regierung hätte gestoppt werden können.

Von wesentlicher Bedeutung für die Anwendbarkeit von Modell 1 auf den Fall der Golfkriegsentscheidung ist die Tatsache, dass - analog dem presidential model - die Regierungsspitze den Prozess gezielt auf eine Militäroperation hinsteuerte. Im Laufe dieser Entwicklung schlug sie alle Vermittlungsversuche aus, umging den in der internationalen Umwelt vorhandenen Widerstand und sicherte sich schließlich auch den innenpolitischen Rückhalt, indem sie die unterschiedlichen Akteure - beispielsweise durch die UN-Resolution 678 oder die extra mile-Initiative - teilweise gegeneinander ausspielte. Anderen Akteuren war durch das Handeln der Regierungsspitze die Möglichkeit genommen, ihr Verhinderungspotential einzusetzen, um etwa ein Fortführen der Containment-Politik als im Interesse der Vereinigten Staaten liegend durchzusetzen; so waren auch die Debatten im Januar 1991 irrelevant für den weiteren Verlauf und besaßen im wesentlichen nur noch Wert in der Auseinandersetzung über die verfassungsrechtlichen War Powers-Befugnisse.

Im Gegensatz zum presidential model, das der Entscheidungsfindung in Modell 1 zugrunde liegt, basiert Modell 2 auf einem wesentlich offeneren political process model, in dem unterschiedliche Akteure sowohl aus dem Politischen System als auch - wie in der Arbeit dargestellt - aus dem Gesellschaftlichen Umfeld ihre jeweiligen Interessen über das Einschalten von Mitgliedern von Positions- und Reputationseliten in den Entscheidungsprozess einbringen können. Über diesen Umweg erhalten selbst Akteure aus der Internationalen Umwelt in begrenztem Maß Einfluss auf das außenpolitische Vorgehen der Vereinigten Staaten. So griff die US-Regierung in den externen innerstaatlichen Machtkampf in Panama bzw. in Haiti auf der Seite der oppositionellen Bewegung ein - Panamas bürgerlicher Opposition bzw. auf Seiten der Anhänger des gestürzten Präsidenten Aristide -, nachdem diese über eine Internationalisierung die Vereinigten Staaten in einem Maß in den Konflikt involvieren konnten, der über die tatsächlichen (relativ geringfügigen bzw. relativ wenig akut gefährdeten) Interessen der Vereinigten Staaten hinausging. Im Falle Panamas verlief diese Internationalisierung weitgehend im Verborgenen (über die Beziehungen, die Oppositionelle mit Vertretern des Politischen Systems unterhielten), im Falle Haitis suchten die Anhänger Aristides dagegen bewusst die öffentliche Aufmerksamkeit.

In beiden Fällen offenbarten sich tiefgreifende Differenzen innerhalb der Regierung in der Einschätzung und im Umgang mit diesen Krisen. Die verschiedenen angewandten Strategien - diplomatischer Druck, Sanktionen oder eine internationale Isolierung, unilateral oder multilateral angelegt - lösten die Probleme nicht, sondern verstärkten sie und machten die Vereinigten Staaten selbst zu einer Konfliktpartei, während die US-Regierung im eigenen Land zunehmend in die Kritik geriet.

So waren die tatsächlichen Auslöser für das militärische Eingreifen in die innerpanamaischen bzw. innerhaitianischen Machtkämpfe am Ende in erster Linie inneramerikanische Entscheidungskrisen. Nur durch ein militärisches Vorgehen zugunsten einer Konfliktpartei mit dem Ziel eines Status-/Regimewechsels glaubte die US-Regierungsspitze, sich schließlich aus dieser Situation befreien zu können. Damit wird das außenpolitische Vorgehen vor allem eine Folge einer innenpolitischen Konfliktlage. Die Entscheidung für dieses Eingreifen wurde im Falle Panamas getroffen, nachdem mit Endara ein legitimierter Präsident zur Verfügung stand, nachdem der eigene Kongress seine Zustimmung zu militärischen Operationen signalisiert hatte und nachdem sich auf der anderen Seite mit den Veränderungen an der Spitze der Kanalverwaltung eine weitere Verschärfung der Krise angebahnt hatte. Im Falle Haitis wechselte die Regierung zu einer mit Coercive Diplomacy-Strategien durchzusetzenden "Demokratisierung mit Aristide," nachdem der Regierung in der Folge des gescheiterten Governors Island-Prozesses die Initiative zunächst entglitten und die eigene Regierungskrise infolge des führungslosen Konfliktumganges im April und Mai 1994 offensichtlich geworden war. Die starke innenpolitische Komponente dieser Entwicklung spiegelt sich schließlich auch wider in den - vordergründig auf Verfassungsfragen zielenden - Auseinandersetzungen im Kongress.

Die Handhabbarkeit der beiden Modelle muss sich bei der Übertragung auf andere Militäreinsätze der Vereinigten Staaten erweisen. Dabei zeigt sich allerdings in den Fällen des Kosovokonfliktes und des Genozids in Ruanda, dass es bei der Anwendung der beiden Modelle auch zu methodischen Schwierigkeiten kommen kann. Diese, so wird gezeigt, liegen zum einen darin, dass sich passives Verhalten - Nichtagieren - wie im Falle Ruandas nur schwer fassen lässt. Nichthandeln kann als Nichtbeachten einer Krise in einem anderen Staat die Voraussetzung für einen von untergeordneten Ebenen der Regierung und der Verwaltung betriebenen Status Quoismus und gleichzeitig für eine mögliche Übertragung der Krise in die innenpolitische Debatte der Vereinigten Staaten sein, wie im Rahmen von Modell 2 beschrieben wird; gleichzeitig kann Nichthandeln aber auch Ausdruck eines von der Regierung bewusst wahrgenommenen überpartikularen Interesses der Vereinigten Staaten sein, nicht involviert zu werden - ein Vorgehen, das Modell 1 (mit einem negativen Vorzeichen) entspräche. Eine Klärung ist oft kaum möglich; vielfach kann man nur Indizien zur Argumentation heranziehen.

Zum anderen entsteht ein Problem bei der zeitlichen Eingrenzung von Krisen. Nicht immer ist so relativ präzise wie im Falle Panamas oder Haitis bestimmbar, ab wann eine Krise im internationalen Raum auch in den Vereinigten Staaten selbst virulent wird. Die Frage stellt sich, ob die Kosovokrise für sich allein stehen kann - ob man also die Analyse mit den Ereignissen des Sommers 1998 beginnt, oder ob die Kosovokrise als Teil des umfassenderen "Jugoslawien-Komplexes" gesehen werden muss, so dass man (mindestens) den Bosnienkonflikt mit seinen mehrfachen Strategiewechseln und schließlich den Verhandlungen von Dayton mit in den Blick nehmen muss. Der Kosovokonflikt zeigt zugleich, dass das Bild (ähnlich wie in Modell 2 für den nationalen Rahmen beschrieben) um so komplizierter wird, je mehr Akteure aus der Internationalen Umwelt beteiligt sind. Dieses Mehr bedeutet nicht nur eine Zunahme von Akteursbeziehungen; gleichzeitig wird angesichts des Verschwimmens der unterschiedlichen Zielvorstellungen und der zu ihrem Erreichen anzuwendenden Strategien die Identifizierung von überpartikularen Interessen und das Entwickeln von Führungsstärke (jeweils im nationalen als auch darüber hinaus nun im internationalen Raum) für die US-Regierung wesentlich erschwert. Außerdem muss im Fall sich so lang hinziehender Konflikte die Frage gestellt werden, welche Rolle ein Regierungswechsel in den Vereinigten Staaten im Verlauf der Entwicklung spielt.

Diese Schwierigkeiten verdeutlichen, dass eine mechanische Übertragung von Modell 1 und Modell 2, die vor dem Hintergrund des Zweiten Golfkrieges und der Operationen in Panama und Haiti entwickelt wurden, auf andere Krisen nicht ohne weiteres möglich ist. Andererseits besitzen die Modelle aber einen heuristischen Wert, können also bei der Identifizierung und Benennung von Strukturen und zentralen Elementen und Faktoren in den jeweiligen Entscheidungsprozessen hilfreich sein und damit letztlich über die Frage des "Wie" auch zur Klärung der Frage des "Warum" beitragen. In jedem Fall wird der herausragende Wert der beiden Modelle darin zu sehen sein, bei der Analyse von Entscheidungen zu militärischen Einsätzen die Aufmerksamkeit verstärkt auf innenpolitische Faktoren in den Vereinigten Staaten zu lenken.

Abschließend ist zu bemerken, dass zu diesem Zeitpunkt - Anfang Oktober 2002 - mit Blick auf das militärische Eingreifen in Afghanistan die Anwendung von Modell 2 möglich erscheint. Im Falle der Irakkrise eröffnen sich aber ähnliche Schwierigkeiten wie bei der Analyse des Kosovokonfliktes: Auf der einen Seite sind einige Parallelen zwischen dem Entscheidungsprozess zum Zweiten Golfkrieg und dem derzeitigen Entscheidungsprozess zur Irakpolitik zu erkennen, so dass die Anwendung von Modell 1 naheliegt.

Auf der anderen Seite stellt sich - wie im Kosovobeispiel - die Frage nach der zeitlichen Eingrenzung, durch die die Wahl von Modell 1 in Zweifel gezogen werden könnte: So ist es angesichts eines möglichen weiteren Golfkrieges vorstellbar, dass ein Militäreinsatz gegen den Irak Teil einer sich über Jahre hinziehenden komplexen Irakkrise sein könnte. In diesem Fall stellt dann Desert Storm - so wie Deliberate Force im Jugoslawienkontext - nur eine militärische Zwischenstufe dar. Ein solcher Gedanke liegt um so näher angesichts des Umstandes, dass die Irakproblematik mittlerweile die fünfte US-Administration befasst (von Carter bis zu George W. Bush), dass es in dieser Zeit zahlreiche Strategiewechsel gab, dass daneben unter den führenden Akteuren einige Kontinuitäten festzustellen sind und dass es nun ausdrücklich um einen Regimewechsel geht.

Unter diesen Voraussetzungen wird man also angesichts der kommenden Entwicklungen unter Umständen die Frage "Modell 1 oder Modell 2?" für den Irak noch einmal stellen müssen, selbst wenn sie im Rahmen der vorliegenden Arbeit in der Untersuchung des Zweiten Golfkrieges eindeutig mit "Modell 1" beantwortet wurde.

Gleichzeitig würde ein Krieg gegen den Irak im Jahr 2003 Quantensprung in der internationalen Sicherheitspolitik darstellen: Die Vereinigten Staaten würden am Golf einen Krieg führen, der der Beseitigung von Gefahren dienen soll, die von den Massenvernichtungswaffen des Regimes von Saddam Hussein in Zukunft hätten ausgehen können. Damit ist die "Post Post Cold War"-Phase, wie sie Richard Haass, Außenminister Powells Planungsstabdirektor, nennt, vorüber, möglicherweise beginnt nun das Zeitalter von hegemonialen Präventivkriegen.

Zum Text der Arbeit (die Texte sind mit einem Password geschützt - wenden Sie sich bitte mit einer Email an mich):

Titel
Vorwort
1. Einleitung / Theorie
2. Literaturbericht
3. Modell 1: Der Zweite Golfkrieg
4. Modell 2 - Panama und Haiti
5. Ruanda und Kosovo - Anwendungsmöglichkeiten für Modelle 1 und Modell 2?
6. Schlussbetrachtung
7. Anhang / Endnoten
8. Literaturliste

Kontakt/Email

Stephan Böckenförde, März 2003


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